Die Frage wird öfters diskutiert. Wann ist etwas nur Handwerk, wann ist etwas Kunst? Und dann wird manchmal noch die schlimme Steigerung ausgesprochen: „Ja, das mag Kunst sein, aber das ist sicher nur zufällig passiert.“

Ich denke, dass etwas künstlerisches nur auf der Grundlage eines souverän beherrschten Handwerks entstehen kann. Ob das, was dann dabei entstanden ist, auch als Kunst wahrgenommen wird, liegt im Auge des Betrachters.

Als ich in Florenz war, habe ich den David von Michelangelo angeschaut. Eine Statue aus dem 16. Jahrhundert, drei Jahre lang aus einem Stück Marmor herausgeschlagen, rund 5 Meter hoch, 6 Tonnen schwer. Um es klar zu sagen: Der Bildhauer Michelangelo hat alles von diesem Marmorstück weggeschlagen, was nicht zur Skulptur gehört hat und heraus kam der in der Bibel beschriebene David, der es mit dem Riesen Goliath aufgenommen hatte. Die Skulptur ist gut gemacht, keine Frage, aber es ist mir bis heute unbegreiflich, wie er David in diesem Marmorstein finden konnte. Er hat ohne die heute verfügbare Technik diesen David in dem über 6 Tonnen schweren Stein gefunden und freigelegt! Das war, meiner Meinung nach, die wahre Kunst!

Sie merken, worauf ich hinaus möchte? Man kann alles unter verschiedenen Gesichtspunkten unter die Lupe nehmen. Die eigenen Vorstellungen, das eigene Verständnis vom damit verbundenen Schaffensprozesses, prägt aber den Blick durch diese Lupe. Es gibt Dinge, die sind für einen unsichtbar, weil man keine Ahnung davon hat.

Beim Schreiben kann man das Handwerkliche recht gut durch die Lupe erkennen. Auf ein Sachbuch bezogen: Thema und Zielgruppe, Titel und Gliederung, Tonalität und Ausdrucksweise, Argumentation und Folgerichtigkeit.

Aber die Kunst? Das Element, das gewisse Etwas, welches etwas handwerklich gut gemachtes zu einem Stück Kunst werden lässt, ist eigentlich das Unsichtbare. Das ist das, was auch gerne mit „Das ging ihr/ihm leicht von der Hand“, beschrieben wird. Oder manchmal auch mit, „Keine Ahnung, wie sie/er das gemacht hat.“

Ein Beispiel gefällig? Eins meiner Sachbücher hat eine feste Aufteilung der Kapitel. Mal geht es über eine Seite, mal über zwei, mal über drei Seiten. Mit Bildern darin. Die Seitenzahl des Buches, und die Anzahl der Kapitel, waren aber vom Verlag festgelegt.

Das wurde zufällig mal angesprochen. „Gut das die Kapitel alle so aufgegangen sind und sich passend auf die Seiten verteilt haben“, sagte mein Gesprächspartner.

Nun, das war kein Zufall. Das war ein Teil der Planung des Buches. Ich hatte ausgetüftelt, wie lang ein Kapitel sein darf und auch die Reihenfolge durchdacht. Das gehörte zum handwerklichen Teil.

Beim Schreiben der Kapitel musste ich dann die geplante Wortanzahl erreichen, ohne das der Text aufgebläht oder eingekürzt aussah. Das war der unsichtbare Teil, dessen Ergebnis mein Gesprächspartner als zufällig passiert wahrgenommen hatte.

Es war kein Zufall, aber war es nun gutes Handwerk oder sogar Kunst?

Meine Antwort?

Ich denke, die Kunst ist es, es einfach und leicht aussehen zu lassen. So wie Michelangelo es machte, er hat einfach alles weggeschlagen was nicht zur Statue gehört hat!

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